Coronareport aus Berlin

Wo die Pandemie besonders hart zuschlägt

Viele Menschen, wenig Raum, hoher Migrationsanteil: Soziale Brennpunkte entwickeln sich zu Corona-Epizentren. Besonders deutlich wird das in Berlin-Neukölln.

Von Katrin Elger

02.04.2021, 13.00 Uhr

 

Gedränge am U- Bahnhof Neukölln: Das Virus grassiert vor allem dort, wo viele Menschen auf engem Raum leben

Foto: Christoph Soeder/dpa

Sie mieden das Gedränge auf der Karl-Marx-Straße, die Familie stieg nicht mehr in den Bus und auch nicht in die U-Bahn. Beyhan Yahsi Uslu brachte ihren Sohn nur noch mit dem Auto in die Schule. An einem Tag im Oktober bekam der 14-Jährige trotzdem plötzlich Halsschmerzen, dann Fieber. Der Coronatest war positiv.

»Mama, muss ich jetzt auch sterben?«, habe ersie gefragt. »Mir tat das so leid«, sagte Yahsi Uslu, die gemeinsam mit ihrem Mann drei Verkaufsstände und ein Café in der Parkanlage Britzer Garten in Berlin-Neukölln betreibt. Yahsi Uslu ist in Deutschland geboren, eine waschechte Berlinerin. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei.

»Es war schwer, meinem Sohn die Panik zu nehmen.« Er habe schon mitbekommen, wie Menschen in seinem Umfeld gestorben seien, sagt sie und schaut auf den kleinen See im Britzer Garten, auf dem Enten schwimmen. Sie hat die Kapuze ihres Wintermantels über den Kopf gezogen, sitzt auf einem der Holzsessel, die auf der Wiese herumstehen, und erzählt. Ihr Sohn ist wieder gesund, jetzt muss sie um das Leben ihrer Mutter bangen, die mit Covid-19 auf der Intensivstation liegt.

 

Mutter Yahsi Uslu: »Es war schwer, meinem Sohn die Panik zu nehmen.«

Foto: Milos Djuric/DER SPIEGEL

Yahsi Uslu vermutet, dass sich die 74-Jährige im Februar in der Praxis eines Neuköllner Augenarztes angesteckt hat. Anfangs kümmerte sie sich selbst um ihre kranke Mutter, brachte ihr Einkäufe in die Wohnung ein paar Straßen weiter, kochte, maß Fieber und mit einem speziellen Gerät die Sauerstoffsättigung im Blut. Sie trug eine FFP2-Maske und versuchte, Abstand zu halten. Yahsi Uslu blieb gesund, ihre Schwester, die ebenfalls half, nicht. Auch sie liegt nun im Krankenhaus.

»Es ist alles angsteinflößend«, sagt Yahsi Uslu. »15 Leute, die ich kannte, sind mittlerweile durch die Pandemie gestorben.«

Diese Zahl dürfte vielen Menschen, die auf dem Land wohnen oder in einem bürgerlich geprägten Stadtteil wie Berlin-Zehlendorf oder Hamburg-Eimsbüttel, unfassbar hoch erscheinen. Das Virus wütet nicht überall gleich schlimm. Es grassiert vor allem dort, wo viele Menschen auf engem Raum leben, zum Beispiel in sozialen Brennpunkten wie in Neukölln.

Wer dort wohnt, ist einem höheren Risiko ausgesetzt, sich zu infizieren und zu sterben. Das kristallisiert sich nach mehr als einem Jahr Pandemie weiter heraus. So schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) in einer aktuellen Analyse: »Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung.«

Die aktuellen Fallzahlen in den Berliner Bezirken untermauern diese Erkenntnis. Das Infektionsgeschehen zieht zwar überall an, auch im nobleren Charlottenburg-Wilmersdorf beträgt die Sieben-Tage-Inzidenz bereits 130. Doch Neukölln führt mit einem Wert von 209 (Stand 1. April) die Statistik an. 388 Menschen sind hier an oder mit dem Virus gestorben.

Der Stadtteil fiel schon im vergangenen Jahr als Corona-Epizentrum der Hauptstadt auf. Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit erklärte das nach einer Datenauswertung so: »Je höher der Anteil der Arbeitslosen bzw. Transferbeziehenden in den Bezirken ist, desto höher ist die Covid-19-Inzidenz.« Zudem bestehe ein Zusammenhang mit dem Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund.

In Neukölln hat fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner einen Migrationshintergrund. Die Arbeitslosenquote ist mit 16 Prozent die höchste in der Hauptstadt. In Neukölln leben knapp 330.000 Menschen, mehr als doppelt so viele pro Quadratkilometer wie etwa in Steglitz-Zehlendorf, wo die Inzidenz deutlich kleiner ist.

»Noch so einen Winter können wir nicht durchhalten«

Beyhan Yahsi Uslu sagt, sie wundere sich darüber, dass sie selbst bisher verschont geblieben sei. »Wenn man überlegt, wie viel mein Mann und ich allein durch unseren Job mit anderen Leuten Kontakt haben, können wir von Glück reden, dass wir uns noch nicht infiziert haben«, sagt sie. Yahsi Uslu steht jetzt neben dem Imbiss, in dem ihr Mann Waffeln und Kaffee verkauft, und wärmt sich die Hände an ihrem Teeglas.

Das Geschäft läuft an diesem kalten Freitag im März nicht gut. Es sind nur wenige Spaziergänger im Britzer Garten unterwegs. Das Café mussten sie wegen Corona schließen, das Cateringgeschäft läuft auch nicht mehr. »Finanziell schnürt uns das so langsam den Hals zu«, sagt Yahsi Uslu. »Noch so einen Winter können wir nicht durchhalten.«

Die Restaurantbetreiberin kennt viele Selbstständige in Neukölln, denen es genauso geht. »Ich weiß von Leuten, die typische Symptome hatten, die sich aber nicht testen ließen. Aus Angst, dass sie aufhören müssten zu arbeiten, falls sie Corona haben.« Für manche würde das nach den langen Shutdowns den wirtschaftlichen Ruin bedeuten.

Wer sein Geld nicht im Homeoffice verdienen kann, hat im Moment das Nachsehen. Nicht Bürogebäude sind typisch für das Stadtbild Neuköllns, sondern die Straßen mit den kleinen Läden und Restaurants. Etliche von ihnen wurden von Einwanderern eröffnet. Die Sonnenallee wird gern auch »Arabische Straße« genannt.

Psychologe Erdogan: »Viele Menschen sind gerade fix und fertig«

Foto: Milos Djuric/DERSPIEGEL

Laut einer Auswertung verschiedener Studien aus OECD-Staaten ist das Risiko für Einwanderer doppelt so hoch, sich mit Corona zu infizieren, wie für die im jeweiligen Land geborenen Menschen. Armut, beengte Wohnverhältnisse und Jobs, die es schwierig machten, Distanz zu halten, seien die Ursachen dafür, schreiben die Forscher. In Deutschland etwa habe nicht einmal jeder fünfte Zugewanderte die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten. Bei jenen, die hierzulande geboren sind, kann das immerhin jeder Dritte.

Die Zumutungen der Pandemie und die finanziellen Sorgen belasten viele Neuköllner schwer. Der Psychologe Kazim Erdogan kann davon in seinem Beratungszimmer nahe der Karl-Marx-Straße berichten. Ein Mann, mit dem er wöchentlich spreche, sei Taxifahrer. Vor der Pandemie sei er kaum zu Hause gewesen, immer unterwegs auf den Straßen Berlins. Dann habe er in Kurzarbeit gehen müssen, das Geld komme häufig mit Verspätung. Mit der Zwangsnähe in der kleinen Wohnung kämen er und seine Frau nicht klar. Die Stimmung sei zum Teil extrem aggressiv, eine schlimme Situation für das Kind. So erzählt es Erdogan.

»Viele Menschen sind gerade fix und fertig«, sagt der Psychologe. Vor Corona hätten er und sein Team von der Initiative »Aufbruch Neukölln« vielleicht zwei, drei Anrufe pro Tag bekommen, mittlerweile seien es sechs oder sieben. Frauen, die Angst haben, dass ihre Männer gewalttätig werden, Paare, die sich nur noch streiten, Familienväter, die Zukunftsängste plagen. Häufig fährt Erdogan zu den Leuten nach Hause, wenn sie nicht mehr weiterwissen. »Ich versuche dann, so gut es geht Abstand zu halten«, sagt der 67-Jährige. »Ich wünschte nur, ich wäre schon geimpft.«

Auch Erdogan hat im vergangenen Jahr Menschen, die ihm wichtig waren, an Corona verloren. Bei einer Beerdigung auf dem alevitischen Friedhof hätten sich mehr als 20 Leute angesteckt, die er kannte, erzählt er. »Zu viele haben am Anfang unterschätzt, mit welcher Wucht uns die Pandemie treffen würde«, sagt Erdoğan. »Manchen ist es noch immer nicht klar. Andere wollen es nicht wahrhaben.« Immer wieder muss die Polizei Hochzeitsfeiern oder Familienfeste auflösen.

Zu viele fühlen sich durch die Behörden kaum angesprochen

Auf der Website des Bezirksamts steht seit Kurzem ein Video, in dem Erdogan auf Türkisch über das Impfen aufklärt. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) erzählt auf Deutsch mit türkischen Untertiteln, wie ernst die Lage ist. Zum Schluss sagt Hikel »Teşekkürler« –danke auf Türkisch. Entsprechende Videos gibt es auch auf Arabisch, Rumänisch und Bulgarisch.

»Eine gute Aktion«, sagt Erdogan. »Aber leider viel zu spät.« Zu viele Menschen in Neukölln fühlten sich durch deutsche Behörden und Medien kaum angesprochen. Nicht nur sprachlich. »Es rächt sich in dieser Pandemie, dass wir es als Gesellschaft bisher nicht geschafft haben, ein Wirgefühl zu entwickeln«, sagt er.

Tatsächlich scheitert Deutschland regelmäßig daran, Debatten zum Thema Migration so zu führen, dass am Ende Lösungsansätze stehen –und nicht Schuldzuweisungen und Verletzungen. Vor Kurzem berichtete die »Bild«-Zeitung darüber, dass auf den Intensivstationen anscheinend überproportional viele Menschen mit Migrationshintergrund lägen, das sei das Ergebnis einer Umfrage unter Chefärzten. Ein Hinweis, der politisch Verantwortliche hellhörig werden lassen müsste.

Allerdings wurde RKI-ChefLotharWielerdamit zitiert, das Thema sei »ein Tabu«. Die »Bild« mutmaßte, die Bundesregierung wolle es nicht anfassen aus Angst vor einer Rassismusdebatte. Als Beispiel für problematische »Parallelgesellschaften« führt Wieler laut »Bild« die Mutter eines Berliner Clanchefs an, die an Corona gestorben war. An keiner Stelle des Artikels ging es um die größeren Risiken für Migranten.

Wieler sagt, er sei in einigen Teilen nicht korrekt wiedergegeben worden, doch der Ton in der Debatte war gesetzt. In sozialen Netzwerken und Kommentarspalten unter Artikeln wimmelte es vor plumpen Vorwürfen. Der Islam sei schuld, die Kultur der Einwanderer, deren Unvermögen, Deutsch zu lernen. Am Ende blieb die Irritation unzähliger Menschen mit türkischen, indischen, bulgarischen, russischen oder rumänischen Wurzeln in Neukölln und anderswo, die nichts mit der Mutter von Clanchef Arafat Abou-Chaker zu tunhatten, die an Corona verstorben war. Und die nicht den Eindruck hatten, dass es eine Priorität der Politik ist, sie vor der Gefahr zu schützen, in der sie sich befinden.

Nicolai Savaskan leitet das Gesundheitsamt des Bezirks Neukölln. Die Internationalität und die vielen Sprachen im Stadtteil machen ihm und seiner Behörde die Arbeit nicht leichter. Mitarbeiter aus dem Team sprechen Türkisch, Kroatisch, Farsi, auch Arabisch, allerdings nicht jeden Dialekt. »Ich wünschte, wir wären da besser aufgestellt«, sagt der Arzt.

Er schlägt langfristig vor, »Gesundheitskioske für die verschiedenen Communitys zu schaffen«. Dort, wo besonders viele Libanesen wohnen, sollte ein Büro eröffnet werden, wo libanesischstämmige Mitarbeiter Fragen beantworten können oder über das Impfen aufklären. Dort, wo es viele Russischstämmige gibt, müsste ein russischsprachiges Angebot existieren.

Auch die jungen Leute, die der multikulturelle Bezirk anzieht, verbreiten das Virus weiter. Einer der ersten Fälle der britischen Mutante B.1.1.7 in Berlin sei in seinem Bezirk registriert worden, sagt Savaskan. Eine junge Engländerin hatte sich im Heimaturlaub infiziert und steckte dann ihre Mitbewohnerin in Berlin an.

Savaskan wirbt dafür, dass Schulen und Kitas trotz steigender Infektionszahlengeöffnet bleiben. Vor dem Ausbruch der Pandemie konnten er und sein Team sich durch Routineuntersuchungen in den Einrichtungen einen Überblick darüber verschaffen, wie es den Kindern und Jugendlichen geht, etwa ob ein Kind unter Mangelernährung leidet oder vernachlässigt. »Dann schreiten wir als Behörde ein. Das ist das Sicherheitsnetz, das bei uns normalerweise jeder bis zu seinem 18. Lebensjahr hat«, sagt er. Im vergangenen Jahr fiel dieses Monitoring pandemiebedingt aus.

Die beste Nachricht für ihn sei,dass mittlerweile die Bewohnerinnen und Bewohner in den Pflegeheimen geimpft seien. »Das macht Hoffnung.«

Auch Gastronomin Beyhan Yahsi Uslu hat etwas Zuversicht gewonnen. Ihre Schwester und auch ihre Mutter seien seit einigen Tagen wieder zu Hause, erzählt sie am Telefon.

»Nach allem, was war, sind das endlich mal gute Nachrichten.«

Originalbeitrag: Der Spiegel